Kennt ihr das? Jemand fragt, warum ein bestimmter Prozess so läuft ist. Die Antwort: „Das ist Best Practice.“ Die nächste Frage – „Aber warum ist das Best Practice?“ – kann keiner so wirklich beantworten.
Weil sie so selten gestellt wird.
Weil nicht darüber nachgedacht wird.
Weil ja andere sich schon darüber Gedanken gemacht hatten.
Warum das in Frage stellen?
Weil die Spielregeln sich geändert haben.
Mehrstufige Genehmigungen waren rational, als niemand alle Informationen gleichzeitig hatte. Manuelle Checks machten Sinn, als Risikobewertung Zeit brauchte. Diese Prozesse entstanden unter realen Einschränkungen – und unter diesen Bedingungen waren sie vermutlich sogar optimal.
Nur: Diese Bedingungen gelten längst nicht mehr. Mit KI sind Daten verfügbar, Risiken lassen sich in Sekunden bewerten, Transparenz ist automatisch da. Die Restriktionen, die den Prozess einst notwendig machten, sind verschwunden.
Der Prozess selbst ist geblieben.
Best Practice zementiert historische Lösungen für historische Probleme. Sie dokumentiert, was unter bestimmten Bedingungen funktioniert hat – und friert diese Bedingungen ein, auch wenn sie nicht mehr existieren.
Das eigentliche Problem dahinter ist nicht technisch, sondern kulturell. Best Practice gibt Sicherheit. „Das machen alle so“ ist eine mächtige Legitimation. Wer sie infrage stellt, riskiert als Querdenker zu gelten oder als jemand, der die Komplexität nicht versteht.
Fairerweise muss man sagen: Diese Skepsis ist nicht ganz unbegründet, es gibt genug Beispiele gescheiterter Prozessexperimente.
Und dann kommt das zweite Problem: Selbst wenn jemand den Mut hat, Best Practice zu hinterfragen – ohne KI-Kompetenz im Unternehmen werden solche Vorschläge schnell als unrealistisch abgetan.
„Das geht nicht“
„Das ist zu riskant“
„Das haben wir noch nie gemacht.“
Nicht, weil der Vorschlag schlecht ist, sondern weil das Know-how fehlt, ihn zu bewerten.
Best Practice schützt vor unbequemen Fragen.
Fehlende KI-Kompetenz verhindert fundierte Antworten.
So bleibt alles beim Alten – auch wenn das Alte längst nicht mehr passt.
KI-Transformation bedeutet nicht, Best Practice durch neue Best Practice zu ersetzen. Sie bedeutet, wieder anzufangen, die richtigen Fragen zu stellen:
Nicht „Wie machen wir das effizienter?“, sondern „Warum machen wir das überhaupt so?“
Das braucht Mut, Kompetenz und eine Kultur, in der es erlaubt ist, die Erfolgsrezepte der Vergangenheit in Frage zu stellen. Weil morgen die Zukunft anfängt.
Und da gelten eben andere Spielregeln.

