Das Denken in Prozessen ist Vergangenheit.
Ich habe über Prozessmodellierung promoviert. Einzelschritte, Verzweigungskriterien, Informationsflüsse – das ist mein Denkmuster seit zwei Jahrzehnten.
Und genau das könnte mir jetzt im Weg stehen.
Wer KI-Agenten durch diese Brille betrachtet, sieht überall Schritte, die sich optimieren lassen. Kommt dabei ein besserer Prozess heraus? Ja. Aber die eigentliche Möglichkeit liegt woanders.
Das sequenzielle Prozessdenken hat einen historischen Vater: Frederick Taylor hat Ende des 19. Jahrhunderts Handwerksarbeit absichtlich in Einzelschritte zerlegt. Nicht weil der Handwerksmeister, der sein Werkstück von vorn bis hinten kannte, schlechter arbeitete – sondern weil er nicht skalierbar war.
Das Fließband war die Antwort auf ein Skalierungsproblem.
Und es war eine passende Antwort. Spezialisierung macht Menschen schneller und besser in ihrem Teilbereich. Standardisierte Schritte lassen sich messen, lehren und reproduzieren. Skaleneffekte entstehen. Was Taylor beschrieben hat, war keine Verschlechterung der Arbeit – es war ein gangbarer Weg, Qualität und Volumen gleichzeitig zu erreichen.
Aber das Modell hat einen Preis, den wir als so normal empfinden, dass wir ihn kaum noch sehen: Jede Übergabe zwischen Schritten kostet Kontext.
Wer in Schritt 5 arbeitet, weiß oft nicht mehr, was in Schritt 2 entschieden wurde und warum. Koordination wird zur eigenen Aufgabe – Meetings, Übergabedokumente, Eskalationspfade. Und an den Schnittstellen zwischen Schritten geht regelmäßig Urteilsvermögen verloren, das sich in keinem Prozessdiagramm abbilden lässt.
KI-Agenten können lesen, verstehen, entscheiden und handeln – im Zusammenhang, simultan, auf tausend Vorgänge gleichzeitig.
Die Spezialisierung bleibt, weil Agenten trainiert und spezialisiert werden können. Die Skaleneffekte bleiben, weil Agenten nicht erschöpfen. Was wegfällt: der strukturelle Informationsverlust zwischen den Schritten, der Koordinationsaufwand an den Übergaben, die organisatorische Reibung.
Das Skalierungsproblem, das das Fließband erst nötig gemacht hat, ist gelöst. Die Manufaktur-Logik lässt sich jetzt skalieren.
Was bleibt vom Prozessdenken: die Frage nach Input, Output und Ziel. Was losgelassen werden muss: die Fixierung auf die Reihenfolge dazwischen. Das klingt überschaubar.
Mein Bauchgefühl sagt, es ist das nicht – zwei Jahrzehnte Denkmuster lösen sich nicht durch Einsicht allein.
Ich übe noch.
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