GTA Vice City hat mehr mit Unternehmenssoftware zu tun, als man glaubt: Man kann beides klonen.
Das 24 Jahre alte Spiel läuft mittlerweile im Browser. Grundlage ist ein Quellcode, den eine Community über Jahre aus dem Spiel rekonstruiert hat, Funktion für Funktion. Take-Two als Rechteinhaber hat eine solche Browser-Version sperren lassen. Ein paar Monate später lief das Spiel auf einer anderen Seite wieder. Rechtlich ist die Lage eindeutig, praktisch hilft das dem Rechteinhaber wenig.
Der Aufwand schrumpft
Lange war so eine Rekonstruktion ein Projekt für eine ganze Szene und viele Jahre. Wie schnell sich das ändert, hat der Entwickler Maurice Heumann vergangene Woche beschrieben. Er hat einen bekannten Ego-Shooter mit KI-Agenten dekompiliert, also aus dem fertigen Programm wieder lesbaren Code gemacht. Am Anfang arbeiteten vier Agenten, später bis zu sechzehn parallel. Nach rund drei Monaten waren 99 Prozent der Funktionen rekonstruiert.
Mühelos war das nicht: Heumann berichtet von Agenten, deren Code das Spiel zwar starten ließ, inhaltlich aber falsch war. Andere Agenten haben das Prüfskript manipuliert, statt den Fehler zu beheben. Der Aufwand bleibt also, er ist nur geschrumpft: von einer Community auf einen Einzelnen, von Jahren auf Monate.
Für Software allgemein heißt das: Ihr wirksamster Schutz war der Aufwand, sie nachzubauen. Das Urheberrecht sicherte im Hintergrund ab, im Alltag hielt die Arbeit Nachahmer fern. Diese Hürde wird gerade schnell niedriger.
Bei Unternehmenssoftware reicht die Doku
Bei einem Spiel muss man den Code zurückholen, weil das Erlebnis exakt gleich sein soll. Bei Unternehmenssoftware ist das anders. Was ein Planungstool, eine Freigabelogik oder ein Branchenmodul im Unternehmen tut, steht in Dokumenten, die dem Unternehmen selbst gehören: in Prozessbeschreibungen, Arbeitsanweisungen und Datenmodellen.
Das ist auch rechtlich der saubere Weg. Der Europäische Gerichtshof hat 2012 im Fall SAS Institute entschieden, dass die Funktionalität eines Programms nicht urheberrechtlich geschützt ist. Geschützt ist der Code. Dazu gehören zwei Grenzen. Das Handbuch des Herstellers ist keine eigene Dokumentation und kann selbst geschützt sein. Und den Code eines Anbieters zu dekompilieren ist nur in engen Fällen erlaubt, etwa um Fehler zu beheben oder Programme miteinander kompatibel zu machen. Wer aus seiner eigenen Prozessbeschreibung baut, berührt beides nicht.
Eine saubere Prozessdokumentation ist damit eine Blaupause, aus der eine KI die passende Anwendung bauen kann. Für ein komplettes ERP ist das ein weiter Weg. Dort hängen Buchhaltung, Lager, Einkauf und Fertigung aneinander, und jede Verbindung ist eine eigene Baustelle. Für das eine teure Modul, die Freigabestrecke oder das Planungswerkzeug ist es heute machbar. Dass KI-Agenten auch große Altbestände lesen können, zeigt Microsoft mit dem dänischen IT-Dienstleister Bankdata, der über 70 Millionen Zeilen Mainframe-Code schrittweise mit Agenten migriert. Microsoft schreibt selbst dazu, dass das kein Werkzeug auf Knopfdruck ist.
Das Ergebnis ist schlanker
Der Eigenbau ist kein Klon. Er ist weniger, und das ist der Vorteil. Kaufsoftware trägt die Wünsche sämtlicher Kunden ihres Herstellers mit sich herum. Jede Funktion, die irgendein Kunde einmal gebraucht hat, steckt im Produkt. Den größten Teil davon klickt im Alltag niemand an, bezahlen muss man ihn trotzdem.
Der Eigenbau enthält, was die eigene Doku beschreibt. Ehrlicherweise auch nur das. Ausnahmen, Berechtigungen und Fehlerfälle, die nirgends aufgeschrieben sind, bleiben Handarbeit, wie bei Heumanns Agenten. Wer seine Prozesse sauber dokumentiert hat, ist hier im Vorteil. Wer sie nur im Kopf der langjährigen Sachbearbeiterin hat, merkt es beim ersten Versuch.
Was den Anbietern bleibt
Dem Softwareanbieter bleibt, was in keinem Dokument steht: Betrieb, Haftung, Updates, die gewachsenen Schnittstellen und die Mühe jeder Migration. Das sind echte Wechselhürden mit einem Preis und einer Halbwertszeit.
Ich habe Anfang des Jahres in „SaaS ist tot, lang lebe SaaS“ beschrieben, warum Software nicht verschwindet: Plattform, Daten und Betrieb bleiben. Im April folgte „Skills: 1 Software: 0“. Wenn das Wissen einer Software als lesbarer Text vorliegt, ist es nicht mehr exklusiv. Die Browser-Spiele zeigen jetzt die andere Seite derselben Bewegung: Auch kompilierter Code wird lesbar.
„Das baut uns keiner nach“ gehört aus meiner Sicht nicht mehr zu den Schutzfaktoren.
Was das für Käufer heißt
Niemand muss deshalb seine Software selbst bauen. Aber jede Lizenzverlängerung verhandelt sich anders, wenn es eine glaubwürdige Alternative für das teuerste Modul gibt. Glaubwürdig heißt: durchgerechnet mit Entwicklung, Migration und Betrieb. Ein Prototyp, der in der Demo gut aussieht, ist noch keine Ausstiegsoption. Wer baut, übernimmt den Betrieb mit Wartung, Sicherheit und Verfügbarkeit, und der kostet dauerhaft.
Die Rechnung hat auch dann einen Wert, wenn am Ende nicht gebaut wird. Wer weiß, was die eigene Alternative kosten würde, weiß auch, was die gekaufte Software wert ist.
Die Prozessdokumentation war immer das Dokument, das man fürs Audit pflegt und danach nie wieder öffnet. Ich glaube, das ändert sich gerade. Die nächste Software liegt im QM-Ordner.